Titel:

Mahdgutübertragung in Nordrhein-Westfalen


Logo:

Mahdgutübertragung in Nordrhein-Westfalen


Suche:


Schriftmenü:

Schriftgrösse: ||

Inhalt:

Mahdgutübertragung

Definition

Die Mahdgutübertrag ist ein Verfahren zur Entwicklung von Pflanzengesellschaften des Grünlandes unter Verwendung von gebietsheimischen, lokalen Herkünften bis hinab auf die Ebene der Ökotypen. Die Pflanzenbestände von nach naturschutzfachlichen Kriterien ausgewählten Spenderflächen werden geschnitten und dieses Mahdgut wird ohne weitere Aufbereitung (Wendung/Trocknung) in frischem Zustand als Mulchdecke auf die zu entwickelnden Flächen, die Empfängerflächen, aufgebracht. Der Schnittzeitpunkt entscheidet über die Arten, die auf diese Art und Weise übertragen werden. Das Ausfallen der Samen erfolgt zum überwiegenden Teil während des Abtrocknens des Materials auf der Empfängerfläche.

Auftrag von Frischmulch auf eine gerodete Fichtenparzelle zur Entwicklung einer Bärwurz-Magerwiese im Nationalpark Eifel (© Foto: Nationalpark Eifel)

Auswahl der Spenderfläche

Folgende Kriterien sollten bei der Auswahl einer geeigneten Spenderfläche berücksichtigt werden:

  • Der Vegetations-/Biotoptyp der Spenderfläche entspricht weitgehend dem auf den Standort abgestimmten Entwicklungsziel der Empfängerfläche.
  • Der Standort der Spenderfläche entspricht möglichst weitgehend dem der Empfängerfläche (evtl. Bodenuntersuchung durchführen).
  • Auf der Spenderfläche ist ein möglichst hoher Anteil am biotoptypischen Artenspektrum vorhanden.
  • Die Spenderfläche weist eine bezogen auf die Empfängerfläche ausreichende Größe auf.
  • Es besteht eine möglichst geringe Entfernung zwischen Spender- und Empfängerfläche.

Durchführung


Auswahl und Akquise des Spendermaterials

Optimal im Jahr vor der geplanten Mahdgutübertragung sollten geeignete Spenderflächen ausgewählt werden. Dabei kann die spezifische Kenntnis der Bewirtschafter über Charakteristik und genese der Fläche genutzt werden. Mit dem Flächenbewirtschafter können dabei Vereinbarungen zur Abnahme des Mahdgutes im nächsten Jahr getroffen werden. Für die Bewirtschafter bringt der Verkauf des Mahdgutes Vorteile, da die Abnahme zu einem gesicherten Preis erfolgt und verschiedene, kostenintensivere, stark witterungsabhängige Arbeitsschritte der normalen Bewirtschaftung entfallen können. Je nach geplantem Erntezeitpunkt entfallen allerdings auch weitere Ernteschnitte.
In Abhängigkeit von Vorgaben für die Vergabe können Bewirtschafter auch mit der Leistung, das Material aufzunehmen, abzufahren und zu verteilen beauftragt werden. Damit werden Verdienstmöglichkeiten für den Bewirtschafter generiert.
Die Akzeptanz für eine solche Naturschutzmaßnahme kann damit gesteigert werden: Die beteiligten Landwirte werden durch die aktive Teilnahme an der Maßnahme eingebunden. Für evtl. notwendige händische Arbeiten kann die Unterstützung des ehrenamtlichen Naturschutzes hilfreich sein.


Ernte des Spendermaterials

Vor Durchführung der Mahd der Spenderfläche sollten evtl. vorhandene wenige Exemplare problematischer Arten wie Rumex crispus, Rumex obtusifolius bzw. Senecio jacobaea ausgestochen werden. Eventuelle flächige Bereiche mit unerwünschtem Bewuchs sind vor Beerntung zu kennzeichnen (Flatterband), damit hier keine Mahd und Aufnahme dieses Bewuchses erfolgt.

Für einen optimalen Erfolg ist es wünschenswert, die Spenderfläche(n) in Staffelmahd dreimal zu beernten. Die Zeitpunkte richten sich nach der Samenreife der Zielarten. Anhaltspunkte für geeignete Schnittzeitpunkte liefern z. B. die Samenreife verschiedener Gräser. Zu Beginn der Samenreife des Ruchgrases kann die erste Nutzung erfolgen. Die beginnende Samenreife der Wiesenrispe markiert den Zeitpunkt des zweiten Schnitts. Die dritte Nutzung empfiehlt sich zu Anfang der Samenreife später Gräser wie dem Knaul- oder Wiesenlieschgras (FOERSTER 1990).

In vielen Fällen wird es jedoch nur möglich sein, das Mahdgut eines einzigen Schnittes zu übertragen. Bei der Terminfestlegung ist darauf zu achten, dass die Zielarten noch nicht ausgesamt haben. Eine Übersicht über Erntetermine für einige wichtige Wiesenarten gibt Tabelle 1. BOSSHARD empfiehlt bei der Entwicklung von Magergrünland den Erntezeitpunkt an der Blüte der Margerite auszurichten (BOSSHARD 1999). HÖLZEL et al. (2012) weisen darauf hin, dass auch bei späten Mahdterminen frühblühende Arten übertragen werden können. Spätere Termine (September) können den Vorteil haben, dass weniger Grassamen übertragen werden und Trockenperioden im Sommer umgangen werden. In jedem Fall ist eine genaue Beobachtung der Entwicklung des Reifezustands der Samen auf der Spenderfläche erforderlich, da diese von Jahr zu Jahr und auch im lokalen Umfeld schwanken kann.

Um möglichst viele Samen übertragen zu können, sollte die Gewinnung und Übertragung in möglichst wenigen Arbeitsschritten erfolgen. Dazu gibt es verschiedene Methoden. Für die Mahdgutübertragung auf größeren Flächen werden optimaler Weise zur Ernte Spezialmäher genutzt, die das noch taunasse geschnittene Material direkt zu einem Schwad zusammenführen. Auf ein Mähwerk mit Aufbereiter sollte unbedingt verzichtet werden. Unmittelbar nach dem Schnitt wird das Material direkt in einen Bunker oder auf einen Ladewagen aufgeladen. Das Material wird dann mit dem Ladewagen zur Empfängerfläche gefahren und dort in gewünschter Dicke gleichmäßig aufgetragen. Zum Teil gibt es Erfahrungen, dass die Verladung mit einem Feldhäcksler sinnvoll ist, da so eine zu lange Verrrottungszeit vermieden wird und das gehäckselt aufgetragene Mahdgut für Wildschweine weniger attraktiv ist. Nachteil kann jedoch sein, dass sich diese Methode negativ auf die Übertragung der Fauna auswirkt und je nach Witterung und Material auch ein zu schnelle Verrottung erfolgt.

Das Material kann auch in Ballen gepresst werden, die auf der Empfängerfläche ausgerollt werden.

Bei kleinen Flächen oder sehr nassen bzw. steilen Flächen kann aber auch der Einachsmäher oder gar die Sense eingesetzt und das Mahdgut von Hand gerecht und verladen werden. Sehr seltene oder gefährdete Pflanzengesellschaften rechtfertigen den erhöhten Aufwand durch die anfallende Handarbeit. In der Literatur wird auch der Einsatz von Saugmulch-Fahrzeugen beschrieben (KIRMER et al. 2012). Balkenmäher haben gegenüber Kreiselmähern den Vorteil, da sie krautschichtbewohnende Tierarten deutlich weniger schädigen als Kreiselmäher. Dies erhöht auch die Chance der Übertragung von Tieren.

Das Verhältnis Spenderfläche zu Empfängerfläche (bei Grünland die gefrästen Streifen) ist abhängig von der Biomasseproduktion und dem Samengehalt der Spenderfläche. Es variiert meist zwischen 3:1 und 1:3. Unter Berücksichtigung der Biomasseproduktion der verschiedenen Pflanzengesellschaften und des im Allgemeinen eher knappen Mahdgutangebotes haben sich Auflagestärken von ca. 3 – 5 cm bewährt. So kann im Allgemeinen außerdem eine zu schnelle Austrocknung und auch eine Gärung des Materials verhindert und Vogelfraß im Rahmen gehalten werden.

Vorbereitung der Empfängerfläche

Eine Aushagerung der Empfängerfläche (bisheriger Acker) z. B. durch den Anbau von Grünroggen ohne Düngung oder sogar ein Bodenabtrag (HARNISCH et al. 2014) kann je nach Nährstoffniveau und Zielgrünlandtyp sinnvoll sein. Ein Bodenabtrag ist nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Schutzziele und Verbote in Schutzgebieten sind zu beachten. Außerdem sind Abstimmungen mit der Unteren Bodenschutzbehörde erforderlich.

Bei vorheriger Grünlandnutzung wird man im Allgemeinen anders als bei vorheriger Ackernutzung keinen vollflächigen Mahdgutauftrag durchführen, sondern diesen auf Streifen beschränken. Die Streifenmethode hat mehrere Vorteile. Es besteht besserer Schutz vor Erosion als bei vollflächigen Maßnahmen, da nur ein Teil des Bodens geöffnet wird. Für eine Mahdgutübertragung wird weniger Material benötigt. es reicht also eine kleinere Spenderfläche aus. Außerdem kann auch im Jahr der Durchführung bereits eine die Akzeptanz fördernde Ernte durchgeführt werden. Breite und Abstand der Streifen richten sich nach der Verfügbarkeit des Spendermahdgutes und der Arbeitsbreite der eingesetzten Geräte (im Allgemeinen 3 – 5 m). Sie sollten insgesamt 1/4 bis 1/3 der Fläche abdecken. Erfahrungsgemäß erfolgt bei zielgerechter Pflegemanagement im Laufe der Jahre eine sukzessive Einwanderung der eingebrachten Arten in die nicht beimpften Flächen. Diese erfolgt im Allgemeinen schneller, wenn die Frässtreifen quer zur üblichen Bewirtschaftungsrichtung angelegt werden. Hierdurch werden Pflanzenteile und Samen bei bei der Bewirtschaftung mit den eingesetzten Maschinen aus den Frässtreifen in die restlichen Flächen besser übertragen. Sollte die Übertragung trotzdem nur zögerlich erfolgen, besteht auch die Möglichkeit, nach einigen Jahren im Anschluss an die ursprünglichen Streifen weitere geeignete Keimbetten durch Fräsen zu entwickeln und dadurch die Übertragung durch Selbstberasung zu fördern.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Etablierung ist eine sorgfältige Bodenvorbereitung. Zur Saatbettherrichtung erfolgt nach Durchführung einer Mahd zunächst der Einsatz z. B. einer Umkehrfräse mit dem Ziel der weitgehenden Eliminierung der bestehenden Grünlandnarbe (s. Vorgaben für umweltsensibles Grünland). Bewährt hat sich nach Erfahrungen von SCHNEIDER + WOLFF(2019) eine kombinierte Maschine aus Flügelschargrubber, Zinkrotor und Packerwalze mit den Funktionen Aufbrechen, Kleinschlagen und Rückverdichten. Alternativ kann auch eine Kreiselegge verwendet werden. Der Einsatz eines Pfluges ist eher nicht ratsam. Die Maßnahme sollte 1 - 2 mal durchgeführt werden. Der letzte Durchgang sollte 2 Wochen vor der Übertragung erfolgen, um ein möglichst weitgehendes Absterben der Grünlandnarbe zu ermöglichen. Kurz vor der Übertragung wird ein feinkrümeliges Saatbett erstellt.Die Bodenvorbereitung sollte bei abgetrocknetem Boden erfolgen. Je nach Standort ist auch die Verwendung von Kettenfahrzeugen ratsam. Auf jeden Fall ist eine Bodenverdichtung zu vermeiden.

Zur Herstellung von Offenlandlebensräumen auf ehemaligen Forstflächen durch Mahdgutübertragung sollte möglichst viel organisches Material (Nadeln, Astwerk, (gefräste) Stubben den Flächen entnommen werden und durch Mulchen (Maschinen mit Kettenfahrzeugen) sollte ein feinkrümeliges Saatbett geschaffen werden.


Mahdgutauftrag

Das Mahdgut sollte möglichst ohne Zeitverzug auf die Empfängerfläche transportiert werden. Optimalerweise wird das Mahdgut mit einem Ladewagen auf der Fläche in der gewünschten Dicke verteilt. Rundballen ausrollen! Anschließend kann eine gleichmäßige Verteilung z. B. mit einem Heuwender sinnvoll sein. Diese Maßnahme fördert auch das Ausfallen der Samen. Z. T. wurden allerdings bessere Ergebnisse durch händische Verteilung erzielt. Die Entfernung der
Mulchdecke ist nicht notwendig. Bei geeigneter Stärke erfolgt im Allgemeinen eine ausreichend schnelle Zersetzung.

Insgesamt sollten Fahrzeuge eingesetzt werden, die je nach Bodenart bzw. aktueller Bodenfeuchte ausreichend geringen Bodendruck erzeugen. Dadurch können Fehlentwicklungen aufgrund von Bodenschäden vermieden werden.

.

Erfahrungswerte für die Arbeitszeiten der einzelnen Arbeitschritte können LFL (2018) entnommen werden.


Pflege

Nach dem Auflaufen der Pflanzen ist im Herbst bei zu hohem Anteil unerwünschter Konkurrenzpartner mindestens ein Schröpfschnitt (ca. 15 cm Höhe) vorzusehen. Bereits im ersten Jahr nach der Übertragung ist normalerweise die am Zielpflanzenbestand orientierte Nutzung mit einem standorttypischen Ertrag möglich. Nachfolgende notwendige Mahd bzw. Beweidung sowie Düngung richten sich nach dem Zielzustand. Eine entsprechende dauerhafte Grünlandpflege ist für das Erreichen und die Sicherung des Entwicklungsziels notwendig.


Einsatzmöglichkeiten und Eignung

Das Verfahren eignet sich zur Entwicklung von Pflanzengesellschaften des Grünlandes insbesondere wenn eine Selbstberasung nicht erfolgversprechend ist und eine geeignete Spenderfläche in der Umgebung, zumindest jedoch im Naturraum/Großlandschaft, zur Verfügung steht.


Kombination mit anderen Methoden

Sollte die Etablierung von Arten gewünscht werden, die in der Spenderfläche fehlen, eine nicht zum Mahdzeitpunkt passende Samenreife aufweisen (z. B frühreife und/oder leicht ausfallende Arten (z. B. Nardus stricta)) und deshalb bekanntermaßen schlecht mit dem Mahdgut zu übertragen sind, so kann eine ergänzende Einsaat im Allgemeinen als Handsaat erfolgen. Hierzu bietet sich per Hand gesammeltes Saatgut dieser Arten aus der Spenderfläche oder aus dem lokalen Umfeld bzw. von vermehrtem Saatgut lokaler Herkünfte an. Auch die Impfung der Empfängerfläche durch Einpflanzen vorgezogener Pflanzen (z. B. Arnica montana) kann sinnvoll sein. Die Verwendung von zertifizierten Regiosaatgut sollte eher vermieden werden, da so das Ziel der Verwendung lokaler Herkünfte nicht erreicht würde. Eine zukünftige Verwendung dieser Fläche als Spenderfläche im Sinne dieses Konzeptes wäre dadurch außerdem nicht mehr möglich.


Bewertung

Die Mahdgutübertragung ermöglicht im Gegensatz zur Ansaat die Übertragung vollständiger Grünlandgemeinschaften mit einer hohen standorttypischen genetischen Varianz. Eine Begrünung ist sicher zu erzielen. Das Arteninventar wird zumindest im ersten Jahr nicht nur vom Spenderbestand sondern auch stark vom Diasporenvorrat im Boden bestimmt. Das Auflaufen von Arten mit geringer Individuenzahl im Spenderbestand ist nicht immer gewährleistet, daher ist das Ergebnis hierfür kaum mit letzter Sicherheit vorhersagbar. Gräser, Leguminosen und Umbelliferen sowie Leucanthemum-, Centaurea- und Plantago-Arten sind gut übertragbar. Es liegen inzwischen vielfältige gute Erfahrungen mit dieser Methode vor. Das Risiko einer misslungenen Ansaat ist nicht höher als bei einer klassischen Einsaat. Die Übertragungsmöglichkeit von Insekten der Spenderfläche wurde ebenfalls nachgewiesen (ELIAS, THIEDE 2008). Hierzu besteht allerdings durchaus noch Forschungsbedarf insbesondere zu der Frage, wie diese Übertragung positiv zu beeinflussen ist. Die Entwicklung der Empfängerfläche kann über die Nutzung und Pflege gesteuert werden. In Abhängigkeit von der Aut- und Populationsökologie der Pflanzenarten kann es mehrere Jahre dauern, bis sich der Zielbestand entwickelt hat und einzelne Arten sich reproduzieren.

Im Vergleich z. B. zu Ansaaten und der Verwendung von Wiesendrusch bestehen jedoch auch organisatorische Nachteile: Spender – und Empfängerfläche müssen gleichzeitig für die Maßnahmendurchführung zur Verfügung stehen und der Aufwuchs ist für den Bewirtschafter der Fläche in diesem Jahr nicht als Viehfutter nutzbar.
Zu beachten ist, dass die jährliche Nutzung einer Spenderfläche langfristig dazu führt, dass dem Bestand kein ausreichendes Samenreservoir mehr für die Regeneration zur Verfügung steht, da im Vergleich der Entzug von Samen bei normaler Heuernte geringer ausfällt.